Mittelbayerische Zeitung
Mit Volldampf in den Eisberg
MS Kaiser kreuzt durch das Kabarett Statt-Theater
REGENSBURG. Smutje, der quirlig-palavernde Schiffsmaat mit Waterkant-Tonfall, war Schuld am Titanic-Schicksal der vergnügungssüchtigen MS Kaiser, die am Mittwoch abend im Regensburger Statt-Theater zum ersten Mal in See stach. An Deck unschlagbar komisch in seinen profunden Analysen der Weltwirtschaft (,,der Käse lmport-Export würde doch einfach durch den Austausch von Käserezepten überflüssig werden"), wurde er selbst unter Wasser zum Globalisierungsopfer. Zu spät hatte er den Eisberg erblickt, der auf dem Weg nach Afrika für ein globales Bewässerungsprojekt durch das Mittelmeer gezogen wurde.
Mit allen Wassern gewaschen
Smutje war nur eine der grell gestalteten Figuren aus dem abgründigem Panoptikum des Frankfurter Kabarettisten und Hörfunkmoderatoren Niels Kaiser. Am Klavier mit allen musikalischen Wassern gewaschen, als getränkeumsatzsteigernder Barpianist bereits doch etwas vereinsamt, umgarnte Kaiser beeindruckend, aber erfolglos die selbstverständlich fotobesessene Yoshiko, die sich bereits ,,bilatelalel Beziehungen mit Pedlo", dem Maschinisten, hingegeben hatte.
Einfach atemberaubend, mit welchem Drive Niels Kaiser den von ihm entworfenen Charakteren Bühnenpräsenz gab und dabei darstellerisch und musikalisch die dramaturgischen Fäden spannungs- und lachverschärfend enger spannte. Mit genauen Beobachtungen, die in scharfzüngigen Pointen endeten, personifizierte Kaiser das grelle Leben an Bord zwischen leidenschaftlichen Verirrungen und mentalen Verwirrungen.
Ein Klavier kann Leben retten
Die dicht vom tiefen Seufzer des Nebelhorns zusammengehaltene Nummernfolge reichte von gewalttätigen Cyber-Space-Schlafliedern für die Jüngsten bis zum Klavier mit Internetanschluss. Glanznummer des Abends war seine hemmungslos komische Version des Titanic-Films, als er zwischen drei Rollen jonglierend die Tonspur des Films genial ersetzte: Wunderbar mitzuerleben die Verwandlung des illusionslosen Bordpianisten in den leidenschaftlichen Charmeur "Rischarr".
Am Ende des Abends blieb ihm als einziger Freund in diesem untergehenden Schlamassel nur sein lebensrettendes Klavier. Auf dem Meer dahintreibend genoss er den lautstarken Applaus des Publikums, das den Schiffbrüchigen nach einige Zugaben auf die Insel hinter der Bühne entließ.
Das Programm ,,Havarie am Klavier" ist noch heute und morgen, Sonntag, 20 Uhr, im Statt-Theater zu erleben.
GUNTER BONACK, MZ
Landeszeitung Lüneburg
Ein Barpianist für alle Angelegenheiten
Niels Kaisers Solo-Kabarett im Kulturforum
Selbst im Mittelmeer schwimmen Eisberge herum. Wenn sie auch imaginär sind, könnten sie doch immerhin theoretisch Löcher in den Schiffsrumpf reißen: Es lohnt sich jedenfalls, darüber nachzudenken, Lieder zu erfinden, am Klavier zu sitzen und zu sinnieren. Niels Kaiser tut das. Sein neues kabarettistisches "Hör- und Seespektakel" im Kulturforum zeigte ihn als Angestellten eines Luxusliners. Ausgerechnet auf der "MS Kaiser" hat er das musikalische Kommando und muss die Passagiere während einer abenteuerlichen Odyssee durchs Mittelmeer bei Laune halten. Im voll besetzten Saal des Kulturforums schaffte er das mühelos.
Als Klavieranimateur sorgte er für Stimmung mit "La Paloma" und anderen schönen Liedchen über das Warten im Leben, das Wetter auf stürmischer See, als Partner liebeshungriger Kreuzfahrtdamen und geistesgegenwärtiger Kommentator des Bord-Kinos. Wenn dort der Ton einmal ausfällt, müssen Stimmen, Dialoge und Geräusche eben vom Klavierspieler ersetzt werden. Ein Tonband hilft, doch die meisten akustischen Details, inklusive Nebelhorn und Meeresrauschen, kann er auch selbst imitieren.
Als Smutje mit Matrosenmütze
Zwischendurch tritt Niels Kaiser als "Smutje" auf, eine Matrosenmütze auf dem Kopf. Beim Krabbenpulen schwätzt er allerlei auf Hamburgische Art. Über Politik und absurde Kleinigkeiten der deutschen Wirklichkeit, über Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Fernseh-Alltag, dunkle Geldtransporte, die Liebe und speziell über die kleinen Schwächen des Klavieranimateurs Niels Kaiser.
Das Klavierspiel hält alles zusammen. Er hat immer die richtige Melodie und das passende Arrangement im Kopf, von Bach bis "Titanic"-Lied ist ihm nichts fremd. Köstlich auch seine Zugaben, darunter auch das WG-Chaos und die Strophen über zehn kleine Arbeitslose, deren Begleitpart, ein Bachpräludium, allmählich immer mehr Töne verliert, bis am Ende nur noch die fingerlosen Fäuste über den Tasten hantieren. Viel herzlicher Beifall.
Südwestpresse
KABARETT / Im Glemser ,,Hirsch"
Mit Piano gerettet
Niels Kaiser brilliert mit einer Kreuzfahrt
Die ,,MS Kaiser", Luxusliner und Heimat des Kabarettisten Niels Kaiser, machte am Samstag beim Kulturverein ,,z.B. Glems" fest und eröffnete damit das Winterprogramm der Glemser Kulturaktivisten.
GLEMS · Für den Bordpianisten ist sowieso kein Patz mehr im Rettungsboot. Im Zweifelsfall spielt der durch bis zum Untergang", sagt Niels Kaiser über das bedauernswerte Schicksal seiner schwimmenden Kollegen.
Die Zuschauer, die am Samstag den Weg in den ,,Hirsch" nach Glems gefunden hatten, würden im Zweifelsfall aber wohl lieber ihre Großmutter auf dem sinkenden Kahn lassen, als den Pianisten einzubüßen. Denn Niels Kaiser würde sicherlich auch auf einem engen Rettungsboot für Stimmung sorgen - vorausgesetzt er hätte sein Klavier dabei.
Das setzt Niels Kaiser, der in seinem Kabarett-Programm als Bordpianist auf der ,,MS Kaiser" sein musikalisches Dasein fristet, auch gerne als absolutes Multimedia-Gerät ein. Faxe empfangen, im Internet surfen und E-mails verschicken, für Niels Kaiser und seinen ,,Pianoputer" kein Problem.
Voll hintergründiger Witze und eindrucksvoller Leistungen am Piano entführt Kaiser seine Zuhörer mitten rein in die abenteuerliche Fahrt der MS Kaiser. ,,Auf den Spuren des Odysseus", so der eindrucksvolle Titel dieser Kreuzfahrt. Ein Titel, der zu dem Seelenverkäufer bestens passt. Denn weder einer der Passagiere, noch der Koch ,,Smutje" oder Niels Kaiser wissen, wohin die Reise führt.
Das bedeutet für den bedauernswerten Bordpianisten jeden Tag unzählige Male ,,La Paloma" spielen, und das für unbestimmte Zeit. Im Laufe der Vorstellung werden die Zuhörer immer mehr mit dem Schiff und seiner Besatzung vertraut gemacht. Ein Schiff, das sich mehr und mehr als Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft erweist. So pulen beim Smutje in der Kombüse Sozialhilfeempfänger die Krabben, während auf dem gesamten Schiff Teile von verünglückten ICEs verlötet sind.
Natürlich gibt es keine Kreuzfahrt ohne die entsprechende Liebesgeschichte. Der Pianist Kaiser verguckt sich schnell in die chronisch fotographierende Japanerin Joshiko, die sich aber mehr für den portugiesischen Heizer Pedro interessiert. Dafür hat sich die plappersüchtige Schweizer Sekretärin ,,Frau Rübli" in den Tastenklimperer verliebt. Doch keine der Romanzen ist im Endeffekt von Erfolg gekrönt, genausowenig wie die gesamte Kreuzfahrt. Die MS Kaiser geht auf Grund und sinkt. Wie erwartet ist natürlich für den Pianisten kein Platz auf dem Rettungsboot. Er wird von seinem treuen Piano vor den Fluten gerettet.
Das ist Kabarett der Spitzenklasse im Glemser Hirsch.
JOCHEN KNECHT
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hör- und Seespektakel auf der Titanic
Der Frankfurter Klavierkabarettist Niels Kaiser spielt Havarien in Rundfunk und Theater
Geräuschvoll plätschert das Wasser in die Wanne. Hände und Füße wühlen die glatte Oberfläche auf, es spritzt, blubbert und gurgelt wie auf hoher See. Den nachmittäglichen Kinobesuch im Kopf, fühlt sich der Badende unversehens vom ,,Titanic"-Fieber gepackt und beginnt zu träumen. ,,Das war eine echte Nacktaufnahme: mit mir als Akteur und Tontechniker", erzählt Niels Kaiser verschmitzt. Die ,,Klangkulisse" für eine Radiosendung über den Untergang der Titanic entstand in seinem eigenen Badezimmer. Später mischte Kaiser im Studio die Aufnahme mit Musik, so daß das feuchte Gluckern wie selbstverständlich in sphärische Melodien überglitt. ,,Zusammenkomponieren" nennt der Musikmoderator und Klavierkabarettist das, was er seit 1996 in HR2 veranstaltet: Niels Kaiser mischt unterschiedliche Musikrichtungen und verbindet sie thematisch durch Moderation und Hörspieleinlagen.
Zum Hörfunk ist Kaiser über die Bühne gekommen. 1964 im norddeutschen Bad Oldesloe geboren, mit drei Jahren nach eigenen Aussagen nach Frankfurt am Main "verschleppt" und dort aufgewachsen, studierte er Musikwissenschaften und Musikpädagogik. Nebenher ließ der angehende Akademiker sich in Klavier, Schauspiel und Gesang ausbilden und trat als singender Pianist auf. Und da hinter der Stirn des introvertiert wirkenden Musikus auch Gespür für Witz und Ironie beheimatet ist, lag der Wandel zur kabarettistischen Ausdrucksform nahe.
,,Allerdings habe ich mir die Bühnenpräsenz erarbeiten müssen", gibt Kaiser zu. Am meisten habe ihm dabei geholfen, daß er von Anfang an sich selbst gespielt habe. Seine als Pianist, Sänger und Schauspieler agierende Bühnenfigur heißt Niels Kaiser: ein eher schüchterner, um Erfolg und Anerkennung bemühter Klavierspieler, der am Ende oft der Verlierer ist. ,,Damit können sich die meisten Leute identifizieren", erzählt Kaiser schmunzelnd, ,,auch die, die das nicht zugeben wollen. Gegenfigur des Pianisten ist der extrovertierte, ebenfalls von Kaiser verkörperte Schiffssmutje, der für die politischen Töne zuständig ist. Auf dem Präsentierteller werden die Pointen jedoch nicht serviert. Kaiser möchte sein Publikum dazu anregen, zwischen den Zeilen zu hören.
Der Weg zum Ein-Mann-Theater führte über die Amateur-Laufbahn. Von bis 1993 wirkte Kaiser beim Hanauer Amateurkabarett ,,Die Brennesseln" mit. Vor sieben Jahren trat der Frankfurter mit seinem ersten Soloprogramm ,,Vorsichtig fallen lassen" auf; seit 1995 geht er als ,,Profiklavierkabarettist" auf Deutschlandtour. Mehr als 400 Kleinkunstbühner haben sich dem wortgewandten Kabarettisten, der nicht nur die Musik für seine Programme komponiert, sondern auch Texte selbst schreibt, bisher geöffnet. Unter anderem wurde Kaiser im Jahr 2000 für einschlägige Kleinkunstwettbewerbe wie die St. Ingberter Pfanne, die Westspitzen und den Melsunger Kabarettpreis nominiert. Mit dem Titel ,,MS Kaiser - Havarie am Klavier" ist das kabarettistische ,,Hör- und Seespektakel" überschrieben, mit dem der Kleinkünstler in den vergangenen Monaten quer durch die Republik von Quakenbrück bis Augsburg reiste.
Während die Finger unermüdlich über die Tasten hüpfen, singt, quäkt, und feixt der ,,Grand Tastateur des Klavierkabaretts" in dem Programm auf einem imaginären, zum Untergang verurteilten Luxusliner und schneidet Grimassen. Längst befruchten sich Bühnen- und Radioauftritte gegenseitig. Auch in die Musiksendung ,,Crossover Blickpunkt", in der er hörspielartige Moderationen mit E- und U-Musik mixt, läßt Kaiser Kabarettistisches einfließen. Die Musik aber steht im Mittelpunkt. Direkt hintereinander, ,,aber so, daß der Übergang etwas Uberzeugendes hat", können etwa Britney Spears und Ludwig van Beethoven aufeinanderfolgen. Im Wechsel mit anderen führt Kaiser durch die Sendung ,,Zauberflöte" mit Klassik für Kinder. Und auch wenn er die Kinderkonzerte des Radio-Sinfome~Orchesters moderiert liegt die Betonung nicht auf Didaktik, sondern auf Unterhaltung.
KATJA MÖHRLE
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